Unsichtbare Systeme in Organisationen
Braucht es eine neue Kartografie, um KI-Systeme menschenfreundlich zu gestalten?

Bittet man in einem Unternehmen fünf Personen, denselben Prozess zu schildern, bekommt man nicht selten fünf Beschreibungen, die einander an mehreren Stellen widersprechen. Und obwohl die Antworten häufig auseinandergehen, läuft der Betrieb: Niemand irrt sich hier im engeren Sinn. Der Ablauf, den alle meinen, existiert häufig gar nicht als Text – und selbst, wenn er existiert wird es nicht immer auf gleiche Weise durchgeführt. Mitarbeitende gewöhnen sich an Abläufe, aber sie sind in der Regel keine wandelnden Prozess-Bibliotheken.
Das ist kein Mangel an Ordnung. Das IST die Ordnung!
Nicht nur das Dokumentierte ist wirksam!
Was eine Organisation zusammenhält, steht selten vollständig in den Dokumenten. Es liegt in den Routinen, die sich aus Anlässen ergeben haben, an die sich niemand mehr genau erinnert; in Zuständigkeiten, die von der Dienstbeschreibung abweichen, weil eine bestimmte Person eine Sache besser kann; in dem, was Menschen voneinander wissen und deshalb nicht absprechen müssen.
Michael Polanyi hat für diese Form impliziten Wissens den Satz geprägt, dass wir mehr wissen, als wir ausdrücken können.1 In Organisationen gilt das nicht nur für einzelne Personen, sondern für die gesamte Ordnung selbst: Sie ist wirksam, ohne formuliert zu sein.
Diese unsichtbare Struktur ist nicht weniger real als das Organigramm. Für die Frage, was tatsächlich geschieht, ist sie oft die verlässlichere Auskunft. Das Organigramm sagt, wer wem berichtet. Es sagt nicht, wen man anruft, wenn es dringend ist.
Die neue praktische Relevanz von impliziten Ordnungen
Solange nur Menschen in dieser Ordnung arbeiteten, war das Unausgesprochene ausreichend übertragbar. Man lernte es durch Anwesenheit, durch Nachfragen, durch Zusehen. Wer neu war, brauchte einige Monate und wusste dann, wie es hier läuft — ohne dass jemand es hätte aufschreiben müssen.
Ein KI-System, das sich aus dem Datenbestand einer Organisation ein Bild von ihr macht, hat diesen Weg nicht. Es kennt, was erfasst wurde. Die Lücke zwischen dem Aufgeschriebenen und dem Wirksamen war vorher eine Unbequemlichkeit; sie wird jetzt zu einem Urteil, weil das System aus dem Vorhandenen antwortet, ohne die Ränder zu kennen.
Diese Lücke ist ungleich verteilt. Bloor Research hat den Punkt im Juli 2026 so formuliert, dass Verzerrung bereits am Erfassungspunkt entsteht, also bereits in dem, was ein System überhaupt sehen durfte.2 Ein Datenbestand bildet Koordination, Einarbeitung und Beziehungspflege schlechter ab als Durchlaufzeiten und Stückzahlen — das eine hinterlässt Spuren im System, das andere findet zwischen Menschen statt. Das Wesentliche bleibt dabei unsichtbar!
Diese Arbeit ist keine Zusatzaufgabe für einzelne Rollen. Wer einarbeitet, Konflikte früh bemerkt oder zwei Abteilungen zusammenbringt, hält den Betrieb ebenso in Gang wie jemand, der Stückzahlen liefert. Der Unterschied liegt allein darin, dass sich das eine zählen lässt und das andere nicht. Wo eine Organisation nur das Zählbare erfasst, verschwindet die andere Hälfte ihrer Arbeit aus dem eigenen Bild — und niemand hat entschieden, dass sie verschwinden soll.
Erfassen ist das neue Entwerfen
Hier liegt der Punkt, an dem aus einer Bestandsaufnahme eine Gestaltungshandlung wird. Wer festhält, wie etwas läuft, verändert es. Nicht als Nebenwirkung, sondern weil ein aufgeschriebener Ablauf einen anderen Status hat als ein eingespielter.
Vorher gab es geübte Praxis, an der man sich orientierte. Nachher gibt es einen Maßstab, von dem man abweicht — und Abweichung braucht ab jetzt eine Begründung. Dieselbe Handlung, die vorher als Erfahrung galt, gilt nachher als Ausnahme.
Damit ist die Erfassung des Unausgesprochenen die anspruchsvollste Aufgabe im Entwurf von Intelligence Architectures, nicht nur dessen Vorbereitung. Sie muss zwischen zwei Fällen unterscheiden, die von außen gleich aussehen: Manches hat niemand aufgeschrieben, weil sich die Gelegenheit nicht ergab. Anderes blieb unausgesprochen, weil es nur so funktioniert.
Niklas Luhmann hat den zweiten Fall früh beschrieben. Organisationen weichen von ihren eigenen formalen Regeln ab, und zwar nicht nur zu ihrem Schaden: Manche Abweichung hält den Betrieb überhaupt erst funktionsfähig, weil die formale Ordnung nicht jede Lage vorwegnehmen kann.3 Wer eine solche Praxis protokolliert, macht sie nicht sichtbar — er beendet sie. Sie funktionierte, weil sie unprotokolliert war. Was bleibt, ist ein sehr ordentlicher Betrieb mit weniger Spielraum als vorher.
Dieser Einwand lässt sich nicht auflösen. Er ist der Preis, und wer erfasst, sollte wissen, dass er ihn zahlt.
Wozu also kartografieren, und für wen?
Ab einem bestimmten Punkt entscheidet sich, wofür die Erfassung gut ist. Ein System, das weiß, wer wann was tut, kann Menschen entlasten: Es findet Vorgänge wieder, erinnert an Fristen, bereitet vor, was sonst jemand von Hand zusammensucht. Dasselbe System kann Menschen beaufsichtigen: Es vergleicht, bewertet, meldet Auffälliges. Der Unterschied liegt nicht in den Daten. Er liegt im Zuschnitt — darin, was erfasst wurde, in welcher Auflösung, und wem die Auswertung zugänglich ist.
Menschenfreundlich heißt hier nichts Gefälliges. Es heißt, dass ein System die Arbeit der Menschen unterstützt, statt sie zu bewerten. Das ist keine Eigenschaft, die man einem fertigen System hinzufügt, denn im fertigen System ist die Absicht, mit der der Zuschnitt entstand, nicht mehr ablesbar. Zwei Systeme mit derselben Oberfläche können aus unterschiedlichen Entscheidungen hervorgegangen sein, und welche das waren, sieht man ihnen nicht an.
Wer den Zuschnitt nicht bewusst wählt, wählt trotzdem. Denn erfasst wird auch öfter, wenn etwas leicht zu erfassen ist: Klicks, Durchlaufzeiten, Ticketzahlen. Die Koordinationsarbeit fällt heraus, nicht aus Absicht, sondern weil sie sich schlechter zählen lässt. Und was aus dem Bestand herausfällt, existiert für jedes System, das aus diesem Bestand lernt, nicht.
Was sollte explizit sein?
Daraus den Schluss zu ziehen, einfach nichts zu dokumentieren, und die gewachsene Ordnung in Ruhe zu lassen, ist keine Option. Es würde bedeuten, die Organisation für KI-Agenten „unlesbar“ und mysteriös zu halten, mit der Konsequenz, dass die Systemwirkung von agentischen Systemen immer ein gutes Stück fehlgeleitet und damit kaum brauchbar ist. Agenten beantworten Fragen dann nur aus dem, was zufällig greifbar war — aus Tickets, Protokollen, Kalendern, Ablagen, die niemand für diesen Zweck angelegt hat. Damit ist die Kartografie längst im Gang, nur unbeaufsichtigt.
Die Wahl steht deshalb nicht zwischen Erfassen und Nicht-Erfassen. Sie steht zwischen bewusster und beiläufiger Erfassung. Beiläufig geschieht sie gerade überall. Eine sensible und dennoch bewusste Kartografie der impliziten Vorgänge ist wesentlich, wenn man die Intelligenzleistungen von KI-Systemen sinnvoll und wirksam nutzen will.
Die offene Frage
Organisationen haben Verfahren, um sich selbst zu beschreiben. Prozessmodellierung hält fest, wie ein Ablauf laufen soll. Wissensmanagement sammelt, was Mitarbeitende mitteilen können. Data Governance klärt Zuständigkeit, Qualität und Zugang für Datenbestände. Alle drei sind für ihre Zwecke gebaut worden: für Steuerung, für Kontinuität, für Nachweisbarkeit und Auffindbarkeit.
Keines dieser Verfahren wurde dafür entworfen, die stillschweigende Ordnung einer Organisation so zu erfassen. Baut man auf der Basis nur solcher Dokumentationen KI-Systeme, um die Arbeit der Menschen zu unterstützen, dann könnte es sein, dass man den Nutzen von KI-Systemen in der Organisation im besten Fall verhindert und im schlimmsten Fall eine NEUE unsichtbare wirksame Ordnung entstehen lässt, die zu einem Kontrollverlust führen kann, weil weder die Genese von Informationen noch die Bedeutung eingeschätzt werden kann.
Diese Frage ist eine zentrale Herausforderung für Unternehmen. Nach Lage der Dinge wird sie derzeit von Systemen beantwortet, die niemand mit der Beantwortung beauftragt hat.
Footnotes
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Michael Polanyi, The Tacit Dimension, Doubleday, 1966, S. 4: „we can know more than we can tell”. Polanyi entwickelt den Begriff für individuelles Können; die Übertragung auf die Ordnung einer Organisation nimmt dieser Beitrag vor. ↩
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Bloor Research International, Intelligence Architecture, Not Artificial Intelligence, 3. Juli 2026, im Anschluss an eine Session der Gender Dialogue Series des UNITAR im Juni 2026. Der Beitrag ist ohne namentliche Verfasserangabe veröffentlicht. Abgerufen am 3. September 2026. ↩
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Niklas Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation, Duncker & Humblot, 1964, insbesondere Kapitel 8 zur „brauchbaren Illegalität”. ↩

